04. Dec 2014

Schamanismus

Teil 1 der Sensatonics Schamanismus-Serie

Schamanismus gehört seit langem zu den Themenbereichen, die uns hier bei Sensatonics um- und antreiben. Daher wollen wir eine Serie starten, die das Thema Schamanismus näher beleuchtet.


Gastautorin Cornelia Es Said beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Heilkräutern und Hexenmedizin und nähert sich nun dem Thema Schamanismus. Ihre Artikel sind keine wissenschaftlichen und verfolgen keinen derartigen Anspruch, d.h. die Quellen werden zwar so weit wie möglich offen gelegt, jedoch nicht unbedingt wissenschaftlich-akribisch aufgeführt.

 

Viele von Euch, die dies lesen, arbeiten selbst im schamanischen Bereich, andere interessieren sich dafür und suchen einen Einstieg. Um eine Basis zu legen, versuchen wir mit einer allgemeinen Begriffsdefinition zu beginnen.

Schamanismus Definition:

Es ist gar nicht so einfach, das Phänomen Schamanismus zu definieren, denn einerseits handelt es sich bei diesem Begriff um eine anthropologische Wortschöpfung, die wahrscheinlich auf dem tungusischen Wort šamán basiert, andererseits wird der religionswissenschaftlich geprägte Begriff zur Bezeichnung verschiedenster magisch-religiösen Praktiken verwendet. Laut Jeremy Narby könnte bereits die ursprüngliche Etymologie des tungusischen Wortes šamán ein Fremdwort sein. "Manche Autoren vermuteten den Ursprung in China (sha-men = Hexe), im Sanskrit (sramana = buddhistischer Mönch bzw. nach anderer Deutung: Strapaze, Anstrengung, religiöse Übung) oder der Türkei (kam)." (Jeremy Narby, die kosmische Schlange, Klett-Kotta 2011, S. 182) Eine nicht durchgehend anerkannte Lesart verortet die tungusische Wurzel sam bei den typischen Körperbewegungen und Gebärden, die Schamanen während der Rituale häufig ausführen. Andere Wissenschaftler führen šamán auf das Verb sa = wissen zurück. Demnach liesse sich šamán (Schamane) als Wissender interpretieren.

 

Das Grosse Wörterbuch Religion definiert den Schmanismus wie folgt: "Schamanismus (tungusisch = saman, eventuell von sa = wissen), ein Phänomen in verschiedenen Religionen, erstmals im 18. Jh. bei den Völkern Sibiriens und des nördlichen Zentralasiens beobachtet, in dessen Mittelpunkt der Schamane als religiöser Funktionär steht." (Grosses Wörterbuch Religion: Grundwissen von A - Z, Google Books Auszug, S. 239)

 

Allerdings bezeichnen sich die von uns so genannten SchamanInnen selbst nicht unbedingt oder immer als solche, sondern WissenschaftlerInnen, ForscherInnen, Reisende und ReporterInnen übersetzen die ursprünglichen und teils sehr genau definierten Bezeichnungen (z.B. Pampamisayuk, Paqo, Altumisayuq bei den Q"ero in Peru, Bon-Ting bei den Lepcha im Himalaya, Vegetalista im peruanischen Amazonasgebiet) oft der Einfachheit halber als Schamane. In den Gemeinden arbeiten die so Benannten jedoch als Medizinmänner und -frauen, Curanderos, HeilerInnen, Knochendoktoren etc. und fungieren als VermittlerInnen zwischen den Welten, zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen der alltäglichen und nicht- alltäglichen Wirklichkeit. "Wir Schamanen [Bon-Ting] sind Mittler zwischen den Menschen, den Göttern und dem Bösen. Wir sind keine gewöhnlichen Macher, in uns herrscht eine ganz eigene Kraft". (GEO 360° Reportage: Sikkim - das alte Wissen der Schamanen, Video 39:33)

 

Die beschriebenen Praktiken existieren natürlich schon weit länger als der Begriff des Schamanismus. Dieser wurde erst seit dem 17./18. Jahrhundert durch die wissenschaftliche Forschung geprägt und unterliegt insofern auch deren selbstreflektorischen Strömungen. Jeremy Narby hat diese Modeerscheinungen der Forschersicht plakativ zusammen gefasst: "Noch bis spät in die sechziger Jahre behaupteten Anhänger der alten Schule, Schamanismus sei eine Form von Geisteskrankheit. In den siebziger Jahren wurde es Mode, den Schamanen als Spezialisten für alle möglichen Bereiche darzustellen, der >>die Rolle des Arztes und des Apothekers spielt, aber auch Psychotherapeut, Soziologie und Philosoph ist, noch dazu Rechtsanwalt, Astrologe und Priester.<< In den achtziger Jahren gab es dann auch Bilderstürmer, die behaupteten, ein Schamane sei vor allem ein Chaosstifter." (Jeremy Narby, die kosmische Schlange, Klett-Kotta 2011, S. 25)

 

Aus dieser Darstellung geht überdeutlich hervor, welchen Einfluss die jeweilige Tendenz in der wissenschaftlichen Forschung auf die Wahrnehmung der untersuchten Themengebiete haben kann. Das bedeutet, dass die Forschung - die ohnehin im besten Fall den Blick teilnehmender Beobachtung auf die schamanische Praxis verschiedener Völker oder Stämme werfen kann - den jeweiligen zeitgenössischen Vorurteilen unterworfen ist und diese auf die Schamanismusdarstellung reflektiert.

 

Jeremy Narby geht noch einen Schritt weiter und drückt die Problematik so aus: "Schamanismus wissenschaftlich zu analysieren bedeutet immer, das Irrationale mit rationalen Methoden zu untersuchen - und dieses Vorgehen ist ein Widerspruch in sich selbst und führt in eine Sackgasse." (Jeremy Narby, die kosmische Schlange, Klett-Kotta 2011, S. 27)

 

Damit ist das Thema natürlich keineswegs erschöpfend behandelt und es gäbe noch weit mehr zur Definition und Deutung des Schamanismusbegriffes zu sagen. Da aber die Schamanismusforschung nicht das Kernthema dieser Serie bilden soll, geht es in der nächsten Folge weiter mit der Frage: Was ist ein Schamane?

Literatur:

In den nächsten Wochen und Monaten wollen wir diese Serie zum Thema Schamanismus mit weiteren Artikeln vertiefen und ausbauen. Ihr könnt durch Eure Kommentare dabei konkreten Einfluss nehmen: welche Aspekte interessieren Euch besonders? Zu welchen Themenbereichen seht Ihr Diskussionsbedarf? Welche Erfahrungen habt Ihr mit schamanischen Ritualen gemacht? Welche Themen sollen wir im Laufe der Serie vertiefen?

 

Mehr aus der Sensatonics Schamanismus-Serie

 

veröffentlicht am 04.12.2014 von fairmarketing, aktualisiert am 02.09.2015 • in Katgeorie(n) Schamanismusbookmark in del.icio.us

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