08. Jul 2015

Schamanische Muster

Teil 10 der Sensatonics Schamanismus-Serie

 

Bis in die 70er Jahre des letzten Jahrtausends fand die Kunst bzw. das Kunsthandwerk schamanischer Kulturen kaum Beachtung. Auch heute wird sie teils noch unter rein ornamental-ästhetischen Gesichtspunkten betrachtet.


Erst der Ethnologe Gerardo Reichel-Dolmatoff beschäftigte sich intensiv mit der symbolischen Bedeutung der Muster und Ornamente, die sich an Hauswänden, Kleidung, Gebrauchs-, Ritualgegenständen schamanisch orientierter Gesellschaften wie z.B. der Desana, Tukano oder der Shipibo-Conibo finden.

Woher kommen die Muster ?

Claudia Müller-Ebeling geht davon aus, dass die Herkunft von Ornamenten und Mustern in der magischen Wirklichkeit zu suchen sei. Die These, dass es sich bei diesen Mustern um universelle Symbole handelt, wird durch die Forschungsergebnisse von Heinrich Klüver und Max Knolle gestützt, die heraus fanden "dass sich durch die physische Reizung der Netzhaut Lichteffekte einstellen, die nicht auf äußeren visuellen Erscheinungen basieren, sondern [...] im Nervensystem aller Menschen entstehen." Adelaars et al: Ayahuasca, AT Verlag 2010, S. 99

Diese als "Phosphene" bezeichneten Erscheinungen können z.B. bei starker Übermüdung oder dem Reiben der Augäpfel - und in veränderten Bewusstseinszuständen auftreten. Die dabei wahrnehmaren Muster lassen sich kulturübergreifend durch die gesamte Menschheitsgeschichte nachweisen.

 

Die Bedeutung von Symbolen

"Naturvölker überall auf der Welt gehen davon aus, dass immaterielle geistige Wesen in der unsichtbaren Welt für Zeichen und Symbole empfänglich sind. Folglich können sich die Menschen mit Hilfe von Symbolen und Zeichen vor negativen Einflüssen schützen und Geister besänftigen oder beschwören."

Auch in der modernen Welt kommen wir nicht ohne Symbole, Zeichen und Piktogramme aus. Der Sinn dieser Symbole liegt in ihrer möglichst kulturübergreifenden intuitiven Erfassbarkeit, wobei die Nutzung von Phosphenen durchaus hilfreich ist.

 

Magische Muster

Zickzack, Rauten und Gittermuster

Im Volksglauben vieler Kulturen gelten Karo- und Zickzack-Muster generell als Schutzsymbol - vor bösen Geistern, Unheil und Dämonen. Oft werden die Zickzacklinien gespiegelt und farbig ausgefüllt, so dass sie Rauten bilden. Wem jetzt die Bayrische Raute einfällt, könnte der ursprünglichen Bedeutung solcher Symbole auf der Spur sein ;)

Die Interpretation lässt sich auf Gittermuster ausdehnen ausdehnen. Auch diese finden wir noch heute in alltäglichen Zusammenhängen:

 

"Schräg verschränkte Hände, X-Zeichen und kreuzweise genagelte Balken [...] sind international
verständliche Zeichen dafür,dass Weg und Zugang blockiert sind: Hier geht es nicht weiter! Zugang verboten!"
Claudia Müller-Ebeling: Ahnen, Geister und Schamanen, AT Verlag 2010, S. 74

Eine Ausnahme in diesem Interpretationszusammenhang stellen die aus dem christlichen Kontext bekannten Kreuze dar: In Knoll"s Phosphenen erscheinen zwar diagonale und aufrechte Kreuzungen mit gleich langen Achsen, aufrecht stehende Kreuze mit einer längeren vertikalen Achse kommen in diesem Kontext jedoch offenbar nicht vor.

 

Spiralen

Spiralen zeigen sich in Form von Ornamenten und Symbolen seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte. Sie scheinen universelle Motive der Natur darzustellen und treten in den verschiedensten Erscheinungsformen auf: als Schneckenhäuser oder Ammoniten, in den Samenständen von Blüten, den noch eingerollten Blättern junger Farne, in durch Gravitation erzeugten Strudeln - und selbst in der spiralförmigen Anordnung unserer DNS.

Aus der mathematischen Analyse der logarithmischen Struktur von Spiralen entstand der "Goldene Schnitt" und die Fibonacci-Reihe, die beide nach wie vor auch in Kunst, Design und Architektur Anwendung finden.

Spiralen können als Brücke zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren verstanden werden, oder auch als Symbole der Ewigkeit. Das von griechischen Vasen bekannte Mäandermuster geht z.B. auf rechtwinklig oder kurvig überformte Wellenformen zurück, die unheilvolle Kräfte sozusagen als Demarkationslinien abwehren sollen. Gleichzeitig nutzen Mäandermuster Spiralformen, die sowohl als Unheil abwehrend gelten, wie auch die Unendlichkeit repräsentieren.

 

Kreise

Auch Kreis und Kugel sind archaische universelle Symbole - allein die kugelige Form von Planeten und ihre elliptischen Bahnen lassen auf grundlegende Zusammenhänge schliessen.
Die Kreisen zugeschriebene oder in veränderten Bewusstseinzuständen erfahrene Bedeutung beschreibt entsprechend oft kosmische Zusammenhänge, den Kreislauf von Werden und Vergehen. Von Strahlen umgebene Kreise werden dabei generell als Sonnenzeichen und deren fruchtbare Kraft interpretiert. Diese Darstellungsform ist so universell, dass wir sie sowohl in historischen Felszeichnungen als auch in den Bildern von Kindern wieder finden.

 

Diese universale Symbolik von Mustern begegnet uns auch in der psychedelisch oder schamanisch inspirierten Kunst. Dazu mehr im nächsten Artikel.

 

Literatur:

 

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veröffentlicht am 08.07.2015 von fairmarketing, aktualisiert am 02.09.2015 • in Katgeorie(n) Schamanismusbookmark in del.icio.us

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